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Was Ihr Magen über Ihren Job weiß

Nacken hart, Schlaf flach, Magen rebelliert, und schuld ist angeblich der Kartoffelsalat? Ein kleiner Hack hilft, die Signale Ihres Körpers ehrlich zu lesen.

Rolf Schmiel ·

Stellen Sie sich vor: Sonntagabend, kurz nach acht. Markus, Teamleiter in einem mittelständischen Unternehmen, steht in der Küche und reibt sich den Bauch. Seine Frau fragt, ob alles in Ordnung ist. „Keine Ahnung. Ich glaub, der Kartoffelsalat war nicht mehr gut.“ Der Kartoffelsalat war übrigens auch letzten Sonntag schuld. Und den Sonntag davor. Am Montag um neun steht das Jour fixe mit dem neuen Bereichsleiter an, aber das hat damit natürlich nichts zu tun. Natürlich nicht.

Kennen Sie das? Der Nacken ist hart wie ein Brett, der Kopf brummt ab Mittwochnachmittag, und die dritte Erkältung des Winters kommt pünktlich zur Quartalsplanung. Wir gehen in die Apotheke, kaufen Wärmepflaster, Magentropfen und Nasenspray und kommen gar nicht auf die Idee, den Arbeitsplatz auf die Liste der Verdächtigen zu setzen. Der Rücken? Falsches Kissen. Der Schlaf? Zu viel Kaffee. Der Magen? Siehe Kartoffelsalat.

Der Körper führt Protokoll

Unser Körper hat ein uraltes Notfallprogramm: die Stressreaktion. Sobald das Gehirn eine Bedrohung meldet, übernimmt der Sympathikus, also der Teil unseres Nervensystems, der für Kampf oder Flucht zuständig ist. Die Muskeln spannen sich an, das Herz schlägt schneller, die Verdauung wird heruntergefahren. Wer vor einem Säbelzahntiger davonläuft, braucht schließlich keinen Magen, der in aller Ruhe ein Leberwurstbrötchen zerlegt. Genial gebaut. Für ein paar Minuten.

Das Problem: Der Säbelzahntiger von heute heißt Budgetrunde, Chef mit Tagesform-Launen, Kollegin, die fremde Erfolge einsammelt, oder Postfach mit Dauerbeschuss. Und dieser Tiger geht nicht wieder zurück in den Wald. Er sitzt jeden Morgen schon im Büro, wenn wir kommen. Das Notfallprogramm bleibt also an, wie ein Auto, das wochenlang mit angezogener Handbremse fährt. Irgendwann riecht es verbrannt. Die Schultern bleiben oben, der Kopf kommt abends nicht zur Ruhe (Gedankenkarussell um drei Uhr nachts, Sie wissen schon), die Abwehrkräfte wirken angeschlagen, und der Magen meldet sich mit Druck, Krämpfen oder Sodbrennen.

In meinem Buch „Toxic Jobs“ beschreibe ich genau diesen Zusammenhang: Anhaltende Sorgen und Ärger halten den Körper in Alarmbereitschaft, und er stellt die Rechnung dafür aus, gerne in Raten. Das Tückische daran: Weil die Beschwerden schleichend kommen, gewöhnen wir uns an sie. „Ist halt so, ich bin nicht mehr zwanzig.“ Ich bin Psychologe, kein Hellseher. Aber wenn der Magen ausgerechnet sonntagabends rebelliert und im Urlaub erstaunlich still ist, würde ich zumindest mal freundlich nachfragen.

Was also tun?

Der Zwick-Zettel

Ich empfehle einen kleinen Hack, den ich den Zwick-Zettel nenne. Sie brauchen dafür nichts weiter als eine Karteikarte (oder ein kleines Notizbuch, wenn Sie es edel mögen) und zwei Minuten am Abend. So geht's:

  1. Zeichnen Sie drei Spalten auf die Karte: „Was zwickt?“, „Was war heute los?“ und „Was ging mir durch den Kopf?“.
  2. Notieren Sie jeden Abend in der ersten Spalte, wo es im Körper zwickt, drückt oder brummt, und geben Sie dem Ganzen eine Schulnote von 1 bis 6. Kein Roman, ein Stichwort reicht: „Nacken, 4“.
  3. In die zweite Spalte kommen die Ereignisse des Tages: „Meeting mit Vertrieb“, „Homeoffice, ruhig“, „Krach wegen Urlaubsplanung“.
  4. In die dritte Spalte schreiben Sie den Gedanken, der Sie am meisten beschäftigt hat. Ehrlich, nicht schön. „Wenn das Projekt kippt, bin ich dran“ ist ein brauchbarer Eintrag.
  5. Machen Sie das vierzehn Tage lang. Dann legen Sie alle Karten nebeneinander und suchen Muster.

Der Hintergrund: Unser Gedächtnis ist ein lausiger Buchhalter. Es glättet, vergisst und verwechselt. Am Freitag wissen wir schon nicht mehr, wann genau am Dienstag der Kopfschmerz anfing. Auf dem Papier dagegen sehen Sie schwarz auf weiß, ob der Nacken immer nach den Terminen mit einem bestimmten Kunden auf Note 5 springt oder ob das Magendrücken jedes Mal auftaucht, wenn Sie abends noch Mails lesen. Vielen fällt es leichter, ein Problem anzugehen, sobald es einen Namen und eine Uhrzeit hat. Aus „Mir geht's irgendwie nicht gut“ wird „Mir geht's nach dem Jour fixe nicht gut“. Damit kann man arbeiten.

Natürlich kann man auch eine App dafür nehmen, mit Diagrammen, Erinnerungs-Pling und Farbcodes. Aber seien wir ehrlich: Wer nach einem Zehn-Stunden-Tag noch ein Dashboard pflegt, hat das Stressproblem gerade elegant um ein weiteres erweitert. Karteikarte, Kuli, fertig.

„Ach, das ist bestimmt nichts“

Der schwierigste Teil kommt nach den zwei Wochen: ehrlich hinschauen. Und wie geht das konkret? Stellen Sie sich bei jedem Muster, das Sie entdecken, drei Fragen. Erstens: Welche Belastung steckt dahinter, also der Termin, der Mensch, die Aufgabe oder die ständige Erreichbarkeit? Zweitens: Was davon kann ich selbst ändern, was kann ich zumindest beeinflussen? Drittens: Mit wem muss ich darüber reden? Manchmal reicht es, die Mails nach 19 Uhr zu ignorieren. Manchmal braucht es ein deutliches Gespräch mit der Chefin. Und manchmal zeigt der Zettel, dass der Job an sich das Problem ist. Das ist keine angenehme Erkenntnis, aber eine deutlich bessere Grundlage als die fünfte Packung Magentropfen.

Übrigens, liebe Führungskräfte: Der Zettel funktioniert als Blickwinkel auch fürs Team. Wenn in Ihrer Abteilung auffällig viele Leute mit Rücken, Kopf und Dauerschnupfen ausfallen, ist das selten ein Zufall der Natur. Das ist kein Vorwurf. Wer selbst mitten im Druck steckt, hat schlicht einen blinden Fleck für den Druck, den er weitergibt. Ein offenes „Was macht euch gerade am meisten zu schaffen?“ im nächsten Teammeeting kann mehr bewirken als jeder Obstkorb.

Wohlgemerkt: Der Zwick-Zettel ersetzt keinen Arztbesuch. Körperliche Beschwerden gehören immer ärztlich abgeklärt, denn nicht jedes Magendrücken ist Stress, und manches, was nach Verspannung aussieht, hat ganz andere Ursachen. Wenn Sie über längere Zeit schlecht schlafen, sich erschöpft oder niedergeschlagen fühlen oder merken, dass Sie allein nicht mehr herausfinden, sind Ärztin, Arzt oder eine Psychotherapie der richtige Weg. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Vernunft.

Hören Sie mal hin

Ihr Körper ist kein Querulant, der Ihnen den Tag verderben will. Er ist eher wie ein treuer Kollege, der seit Wochen leise sagt: „Du, hier stimmt was nicht.“ Und wir antworten mit Wärmepflaster. Also: Gönnen Sie ihm ab heute zwei Minuten am Abend und eine Karteikarte. Vielleicht stellt sich heraus, dass es doch der Kartoffelsalat war. Dann wissen Sie es wenigstens. Deal?

Mehr solcher Alltagshacks stehen in meinem Buch „Toxic Jobs“.

Mit KI-Unterstützung erstellt, von Rolf Schmiel geprüft und freigegeben.